Thema:
Didaktik der Kernideen
Impulse zur Auseinandersetzung:
Wie kann man Schülerinnen und Schüler dazu anleiten, die Gegebenheiten und Intentionen ihrer Person in ein produktives Verhältnis zu den spezifischen Anforderungen der fachlichen Objekte zu bringen? (Urs Ruf: Metakompetenz – Über das Verhältnis von Person und Sache. In: Friedrich Jahresheft 2003, S. 58)
Inhaltliche Hinweise
Folgende Schrittfolge für die Planung einer Reihe/Sequenz ist vor dem Hintergrund der Didaktik der Kernideen denkbar und wurde bei dem Erstellen einer Reihe zum Themenkreis Montessoripädagogik erfolgreich erprobt: 1)Finden Sie in der sachlichen Auseinandersetzung mit einem Themenbereich Ihre persönliche Kernidee. (Vgl. dazu Hans Berner, a.a.O., S. 166) 2)Strukturieren Sie die inhaltlichen Aspekte eines Gegenstandes um diese Kernidee (z.B. in Form eines Mind Maps). 3)Nehmen Sie Akzentuierungen entsprechend der folgenden Leitfragen vor: "Gut wofür? (für welche Bildungsziele?) / Gut für wen? (Wechselwirkungen) / Gut gemessen an welchen Startbedingungen (Klassenkontext)? / Gut aus wessen Sicht (Urteilerperspektive) / Gut für wann? (Zeitperspektive)" (Andreas Helmke, http://www.uni-landau.de/~helmke/, 2003). Prüfen Sie, was unter den gegebenen Bedingungen jetzt möglich ist und notieren Sie Ihre Auswahlkriterien. 4)Formulieren Sie tragfähige Lernziele und kennzeichnen Sie den Schwerpunkt der Reihe. Überprüfen Sie: An welcher Stelle wird die spezifische Perspektive des Faches deutlich? (Vgl. dazu das Vorwort zu ´DER KLEINE PHOENIX´ und zu ´PHOENIX BD.1´) 5)Die didaktischen Überlegungen zum Aufbau einer Reihe müssen den SuS die Generierung ihrer eigenen Kernidee ermöglichen. Orientieren Sie sich an einer didaktischen Grundstruktur, die dies ermöglicht (vgl. z.B. die Hinweise g und h). 6)Mehrere Wege führen nach Rom, aber das Ziel bleibt Rom! Der Einstieg ist oft entscheidend, eine Baumstruktur möglicher Wege mit entsprechenden Knotenpunkten kann für eine konzeptionelle Planung seitens des Lehrers oft sehr hilfreich sein. Literaturhinweise zur Didaktik der Kernideen: a) Urs Ruf/Peter Gallin: Dialogisches Lernen in Sprache und Mathematik. Band 1 u. 2. Kallmeyer, Seelze-Velber 1998. b) Urs Ruf/Peter Gallin: Lernen auf eigenen Wegen. In: Beiträge zur Lehrerbildung 2/1991. c) Urs Ruf: Metakompetenz - Über das Verhältnis von Person und Sache. In: Friedrich Jahresheft 2003. d) Urs Ruf: "Wie wirkt mein Spruch auf dem T-Shirt?" - Kernideen als Tor zur Sache. In: Friedrich Jahresheft 2003. e) Urs Ruf/Nicole Frei/Tobias Zimmermann: Wie Schüler aus ihren Fehlern lernen. In: Friedrich Jahresheft 2004: Heterogenität, S. 98ff. f) Hans Berner: Didaktische Kompetenz. Haupt Verlag, Bern-Stuttgart-Wien 1999. Der ´äußere Dialog´ führt notwendigerweise zu einem ´inneren Dialog´: g) Heinz Dorlöchter/Edwin Stiller: Lernen mit Phoenix- Lernpsychologische Grundlegung. In: E. Stiller (Hg.), Dialogische Fachdidaktik Band 2, Schöningh Verlag, Paderborn1999. h) Vgl. auch den Aufbau der einzelnen Waben in der Schulbuchreihe PHOENIX
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Ergebnissicherung / weiterführende Fragestellungen
Die Vorbereitung einer Unterrichtsreihe führt oft dazu, sich ausschließlich als Sachwalter eines wissenschaftlichen Anspruchs zu sehen und die fachliche Systematisierung unter dem Prinzip möglicher Vollständigkeit vor dem Hintergrund der Lehrplanvorgaben so in die Vorbereitung einfließen zu lassen, dass eine sachlogische Struktur unter Berücksichtigung lernpsychologischer Aspekte in eine Progression gebracht wird, die dem Lernenden einen Weg vorzeichnet, der ihm nur bei der Einhaltung der vorgegebenen Regeln als Erfolg versprechend erscheint und somit Abweichungen als Fehler charakterisiert. Von dieser didaktischen Orientierung des ´Beibringens´ und ´Nachvollziehens´ - hier sehr pointiert gezeichnet - grenzt sich die Didaktik der Kernideen ab, indem sie der persönlichen Begegnung zwischen der Person und der Sache eine zentrale Bedeutung zuweist: Gelingt es dem Lehrer, die für ihn persönlich ausgehende Faszination einer Sache zu erfassen, sein ´Schlüssel-Erlebnis´ in der Auseinandersetzung mit einem Thema zu reflektieren und zu benennen, so hat er seine persönliche Kernidee, seinen Zugang zu einem Gebiet, gefunden. Diese aus Sicht des Lehrers rückschauende Betrachtung wird als Angebot für den Lernenden angesehnen, wiederum seine Kernidee zu generieren um damit seinen eigenen Lernweg zu entwickeln. Dieser Austausch singulärer Betroffenheiten hat den Charakter eines partnerschaftlichen Dialogs, die Sinnperspektive des Lehrers und die des Schülers haben hier eine entscheidende motivationale Kraft, da Lernen als Austausch zwischen Anderswissenden in einer persönlichen Begegnung erfahrbar wird. Der Dialog unter Ungleichen wird somit zum konstituierenden und damit sinnstiftenden Element schulischen Lernens. Der Lehrende als Person, seine Einstellung zum Sachgebiet, seine Begeisterung für die Sache ist ein tragendes Element der Lehr-Lernumgebung, er ist kein Vertreter einer Sache sondern Dialogpartner in der Auseinandersetzung mit einem Sachverhalt. Unterricht wird damit zu einer persönlichen Begegnung, so wie es bereits Ruth Cohn formuliert hat: "Lernen ist Austausch durch Andersartigkeit. Kinder sind gleichwertig, doch anders. Respekt vor dieser Verschiedenheit - doch Gleichwertigkeit -, das gehört zur sprudelnden Quelle für's Lernen ... ." (R. Cohn, 1998). Für die Unterrichtsvorbereitung ergeben sich daraus die folgenden Konsequenzen: Das Finden der eigenen Kernidee kann dazu genutzt werden, den Schwerpunkt einer Reihe/Sequenz festzulegen, die didaktische Reduktion bekommt so einen bewusst gewollten ´persönlichen Anstrich´. Besonders Erfolg versprechend erscheint den Autoren Urs Ruf und Peter Gallin, wenn die persönliche Kernidee als Ausgangspunkt und Anfangsimpuls genutzt wird: "Die Kernidee soll möglichst genau ins Zentrum der Sache führen und so ihr kreative Potenzial wecken. Sie wird von der Lehrperson formuliert und soll den Lernenden den Anstoß geben, um auf eigenen Wegen den durch die Kernidee erschlossenen Sachverhalt zu erforschen und zu bearbeiten." (Urs Ruf, Urs Ruf/Nicole Frei/Tobias Zimmermann, a.a.O.) Offen formulierte Aufträge, die einen persönlichen Dialog mit der Sache heraufordern bzw. offene Unterrichtsformen (Zu dem Aspekt: Offener Unterricht vgl. auch: Friedrich Gervé: Freie Arbeit. Beltz Pädagogik, Weinheim und Basel 1998, S. 21), bieten für eine erfolgreiche Umsetzung günstige Voraussetzungen, Lernjournale (´Aufgezeichnete Spuren der Forschungsreise´) und arrangierte Möglichkeiten eines ´divergierenden Austausches´ betonen den Charakter der hier vertretenen Dialogischen Didaktik. Für die Durchführung des Unterrichts und das Verständnis der eigenen Lehrerrolle ist eine aktive Positionierung mit Empathie und Sensibilität gefordert, der Dialog ganz im Sinne von Ruth Cohn bekommt eine herausragende Stellung, die es von allen am Unterrichtsgeschehen Beteiligten intensiv zu nutzten gilt (was natürlich Folgen für die methodischen Entscheidungen hat).
Ein persönliches Fazit
Gerade wenn ein Lehrer - natürlich mit einem möglichst hohen Maß an Empathie - sein individuelles Initialerlebnis und damit seinen persönlichen Zugang zum Thema zum Beispiel im Rahmen des Anfangsimpulses einer Unterrichtsstunde als Zugriff für seine persönliche Kernidee nutzt, schlägt er eine Brücke zu den SuS …, er öffnet ihnen eine Tür und ermutigt sie somit, ihre eigenen Gedanken zu entwickeln und schafft ggf. die Möglichkeit zur Artikulation eigener Initialerlebnisse. Vor diesem Hintergrund, nämlich den Nerv möglichst vieler SuS getroffen zu haben, wird zum einen der Weg zu einer eher symmetrischen Interaktion im allgemeinen unterrichtlichen Miteinander geebnet und zum anderen ist es eher möglich, einen Konsens in Bezug auf eine an die jeweilige Lerngruppe angepasste Herausarbeitung eines Schwerpunktes einer Reihe/Sequenz zu finden. (D. B.)
Heinz Dorlöchter
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